Konsens trotz teaminterner Widerstände

Systemisches Konsensieren

Damit im Team getroffene Entscheidungen von allen akzeptiert werden, ist es empfehlenswert, Widerstände zu identifizieren und zu berücksichtigen. Das Systemische Konsensieren macht genau das möglich − Widerstände werden sichtbar und messbar. Je nach Komplexität der Fragestellung kann aus drei Intensitätsstufen mit unterschiedlichem Aufwand gewählt werden.

Kennen Sie das, wenn es trotz Abstimmung im Team und Mehrheitsentscheidung später Widerstand in der Gruppe gibt? Alle konnten ihre Stimme abgeben und trotzdem wird offen oder verdeckt gegen die getroffene Entscheidung gearbeitet? Arbeiten 4.0, agile Arbeitsweisen, Selbstorganisation – Entscheidungen werden immer öfter nicht „von oben“ getroffen. Stattdessen können und sollen Teams eigenständig die Entscheidungsfindung organisieren. Ein Scrum-Team beispielsweise trifft in der Planning-Phase oder in der Entwicklung regelmäßig Entscheidungen über Prioritäten oder Vorgehensweisen.

Akquisemaßnahmen

Wie stimmen Sie ab?

Wie kommt es nun, dass alle abstimmen und am Ende ein Teil der Gruppe unzufrieden ist?

Bei Gruppenentscheidungen geht es häufig um die Bildung von Mehrheiten. Bei der Mehrheitswahl wird die Zustimmung zu verschiedenen Optionen gemessen. Die Option mit der größten Zustimmung wird gewählt und gilt später für alle. Wir sammeln viele Argumente für unsere Position und möglichst viele Gegenargumente für die Positionen der anderen, um die Mehrheit für uns zu gewinnen. Das führt zu Lagerbildung und Konflikten, denn jedes Lager möchte den „Sieg“ nach Hause tragen. Neben den Konflikten bedeuten solche Entscheidungen auch, dass manchmal eine Minderheit über alle entscheidet. Wieso Minderheit? Bei einer Abstimmung nach relativer Mehrheit kann das schneller passieren als gedacht, wie das dargestellte Beispiel zeigt.

In einem Team von 7 Personen sind drei dafür, das vorhandene Budget in die Telefonakquise zu investieren, und je zwei für Google Adwords bzw. Print. Die relative Mehrheit ist eindeutig für die Telefonakquise. Leider führt dieses Ergebnis potentiell zu Widerstand bei gut 57 % des Teams.

Wie finden Sie die Lösung mit dem geringsten Gruppenwiderstand?

„Widerstand, der im System nicht ausgedrückt werden kann, wendet sich gegen das System.“ (Erich Visotsching)

Wenn konträre Meinungen nicht berücksichtigt werden, arbeiten sie ggf. aktiv oder passiv gegen getroffene Entscheidungen. Um Widerstände zu berücksichtigen, müssen diese aber erst einmal erkannt werden. Eine Möglichkeit, die Widerstände innerhalb der Gruppe sichtbar und sogar messbar zu machen, ist das Systemische Konsensieren. Die Methode erlaubt es, Widerstände vor der Entscheidung zu thematisieren und bei der Entscheidung zu berücksichtigen. Je nach Komplexität der Fragestellung gibt es drei Varianten des Systemischen Konsensierens.

Schnellkonsensieren

Ist die Fragestellung sehr einfach und es gibt zunächst nur einen Lösungsvorschlag, kann die simpelste Variante gewählt werden: Das Schnellkonsensieren. In einem Meeting oder Seminar zum Beispiel, kann der Moderator sagen: „Ich schlage vor, wir schließen das Thema grad noch ab und gehen dann 10 Minuten später in die Pause. – Gibt es dazu Widerstände?“ Hier kann per Handzeichen abgestimmt werden:

• Null Widerstand = keine Hand heben
• Mittlerer Widerstand = eine Hand heben
• Maximaler Widerstand = beide Hände heben

Bei Widerstand wird nachgefragt, welche Änderungen die/derjenige vorschlägt. Dann wird über die Änderung erneut abgestimmt. Das wird solange wiederholt, bis es keine Widerstände mehr gibt.

Auswahlkonsensieren Beispieltabelle

Auswahlkonsensieren

Das Auswahlkonsensieren kommt zum Einsatz, wenn es mehrere Lösungsvorschläge zu einer Fragestellung gibt – so wie bei der Entscheidung über die Akquisemaßnahmen oben. Die Lösungsvorschläge werden zunächst gesammelt und vorgestellt. Das Team klärt in einem ersten Schritt Fragen zu den Vorschlägen. Anschließend bewertet jedes Teammitglied jeden Vorschlag mit 0 bis 10 Widerstandsstimmen (W-Stimmen). Die 0 steht dabei für „kein Einwand“, die 10 für „totale Ablehnung“. Die Zwischenwerte werden nach Gefühl vergeben. So erhält man ein wesentlich detaillierteres Stimmungsbild als bei der klassischen Abstimmung. Die Abstimmung kann verdeckt erfolgen, um taktisches Abstimmen zu vermeiden. So wird die Lösung mit dem geringsten Gruppenwiderstand ermittelt. Im o.g. Beispiel könnte das Ergebnis dann so aussehen wie in der dargestellten Tabelle.

In diesem Fall ist Google Adwords die Lösung mit dem geringsten Gruppenwiderstand und wird mit großer Wahrscheinlichkeit von der Gruppe besser akzeptiert, als das Ergebnis nach Mehrheitswahl.

Vertieftes Konsensieren

Bei komplexen Fragestellungen, zum Beispiel die Auswahl einer bestimmen Software-Lösung, kann das Auswahlkonsensieren als „erste Runde“ dienen. Das Ergebnis wird als Stimmungsbild verstanden. Auf Basis des Ergebnisses folgt eine inhaltliche Diskussion, um die Ursachen für vorhandene Widerstände zu verstehen. Die Lösungsvorschläge können nachgebessert oder ergänzt werden. Anschließend wird eine weitere Runde Auswahlkonsensieren zur Entscheidungsfindung durchgeführt.

Allen genannten Varianten ist gemein, dass sie zu einer neuen Qualität der inhaltlichen Diskussion führen können, da Bedenken und Einwände aller Gruppenmitglieder transparent gemacht und berücksichtigt werden können. Dadurch verringert sich das Konfliktpotential und erhöhen sich die Chancen, dass die Entscheidung von allen Beteiligten getragen und umgesetzt wird. Eine wertschätzende, neugierige Haltung aller Teammitglieder ist dabei wichtig für den Erfolg. Nur wenn die individuellen Ansichten aller respektiert werden, entsteht eine Atmosphäre, in der eine offene Diskussion im Sinne des Systemischen Konsensierens möglich ist.

 

Nico Küßner
Trainer & Consultant
Assure Consulting GmbH