NON-IT-PROJEKTE - ALLES AGIL? ODER DOCH NICHT?

Non-IT-Projekte

Aus der IT-Welt sind sie nicht mehr wegzudenken - agile Methoden. Die Vorteile liegen auf der Hand. In der Softwareentwicklung ist es vorteilhaft, Zwischenresultate zu erzielen. So können Fehler frühestmöglich und nicht erst nach Fertigstellung beseitigt und Kundenwünsche zeitnah umgesetzt werden. Von einem anfänglichen Trend hat sich „Agile“ mittlerweile fest in IT-Projekten etabliert.

Doch wie steht es eigentlich um das Potenzial agiler Methoden in Non-IT-Projekten? Wie sieht es in Projekten aus, in denen nicht die Entwicklung einer Software, sondern beispielsweise die Umstrukturierung eines Unternehmens oder die Entwicklung einer neuen Kekssorte im Mittelpunkt stehen? Lassen sich die Vorteile agiler Methoden problemlos in die Projektmanagement-Welt übertragen und wo liegen die Grenzen? In einer Studie wurden hierzu Führungskräfte und Mitarbeiter befragt, die bereits Erfahrungen in Nicht-IT-Projekten sammeln konnten.*

KUNDE UND TEAM IM FOKUS

In der unter Projektmanagement-Experten durchgeführten Umfrage gaben 8 von 10 Mitarbeitern an, mit agilen Methoden erfolgreicher unterwegs zu sein. Die Mitarbeiter sehen insbesondere eine höhere Kundenzufriedenheit als Vorteil. Diese resultiert aus einer engeren Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem Kunden, sodass kontinuierliches Kunden-Feedback in das Projekt miteinfließen kann.

Das Team im Mittelpunkt - neben dem Kunden wird vor allem das Team selbst im Fokus gesehen. Agilität wird in Projekten eine bessere Zusammenarbeit sowie ein besseres Commitment im Team unterstellt. Dies ergibt sich vor allem daraus, dass die Teammitglieder in einem größeren Umfang eingebunden werden. Sie können selbst Entscheidungen treffen und bringen sich stärker ein.

AGILITÄT? JA BITTE, ABER DANN DOCH LIEBER SO WIE ES UNS PASST 

Nicht etwa die Branche, in der das Unternehmen tätig ist, bildet das ausschlaggebende Kriterium zur Anwendung agiler Methoden, sondern die Projektart. Laut der Umfrage finden agile Methoden vor allem in Organisations- und Produktentwicklungs-Projekten statt. In Organisationsprojekten kann beispielsweise eine iterative Prozessanpassung in Sprints sinnvoll sein, da der Prozess somit auf Basis des zeitnahen Kundenfeedbacks kontinuierlich verbessert werden kann.

Agile Methoden in Reinform umzusetzen, scheint den meisten Unternehmen jedoch nicht zu liegen. So wurden in den genannten Projekten oftmals Projektleiter eingesetzt, obwohl bei agilen Methoden wie Scrum die Verantwortung durch das Entwicklungsteam selbst und den Product Owner getragen wird. Hier fehlt also noch der letzte Funke Vertrauen. Denn „Agile“ bedeutet auch, dem Team, durch Selbstregulation und Eigenverantwortung in Entwicklungsprozessen, die größte Verantwortung und somit eine gehörige Portion Vertrauen entgegenzubringen.

Top 5 Agilitätskiller

WO AGILE METHODEN AN IHRE GRENZEN STOßEN

Dass Agilität auch in Nicht-IT-Projekten ihre Vorteile entfalten kann, ist also unumstritten. Ebenso unumstritten sind Rahmenbedingungen, die sich schlichtweg nicht mit Agilität in Einklang bringen lassen. Denn kontraproduktiv ist der Einsatz dieser Methoden immer dann, wenn eine detaillierte Vorab-Planbarkeit benötigt wird oder Projektergebnisse vorhersagbar sein müssen. Beispielsweise unterliegen Rolloutprojekte einem strengen Zeitplan und werden wasserfallartig durchgeführt. Das Projektmanagement stark agil zu gestalten, erweist sich daher als wenig sinnvoll. Dies trifft ebenfalls auf Produktentwicklungsprozesse zu, die strengen Regularien und Vorgaben unterliegen, wie es beispielsweise in der Luftfahrt- oder Pharmaindustrie der Fall ist.

Hybride Methoden dominieren

DAS BESTE AUS BEIDEN WELTEN

Die Umfrage zeigt, dass Unternehmen die Idee agiler Methoden aufgreifen und an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen. Die große Mehrheit der Befragten führt ihre Projekte hybrid durch. Eine Anwendung agiler Methoden in Reinform erfolgt nur in seltenen Fällen. Es sollen also die Vorteile des klassischen Projektmanagements und die agiler Methoden miteinander vereint werden. Zum einen ist es so möglich, flexibel auf Änderungswünsche bspw. durch Kunden zu reagieren. Zum anderen können Faktoren, wie strenge Regularien und Vorgaben an die Produktentwicklung, plansicher erfüllt werden.

Top 5 Agiler Elemente

Um die Nachteile des klassischen Projektmanagements auszugleichen, werden agile Elemente eingesetzt. Die am häufigsten verwendeten Elemente sind jene, die die Transparenz und Flexibilität im Projekt steigern. So bringen Sprint- und Product Backlogs Agilität in klassische Projektstrukturen. Reviews und Retrospektiven erhöhen die Transparenz und verbessern die Kommunikation von Zwischenständen und Ergebnissen. Die Visualisierung von Aufgaben und deren Status mithilfe eines Kanban Boards erhöht nicht nur die Transparenz, sondern auch den Überblick für alle Projektbeteiligten.

DER HYBRIDEN FORM GEHÖRT DIE ZUKUNFT

So sind 80 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass hybride Methoden in ihrem Unternehmen zukünftig die dominante Rolle unter den Projektmanagement-Methoden spielen werden. Der Trend geht also dahin, klassische Strukturen durch agile Elemente zu ergänzen. Eine Umsetzung in Reinform würde voraussetzen, dass das Entwicklungsteam samt Product Owner selbstständig und ohne weitere Instanz, wie einen Projektleiter, arbeitet. Ob Unternehmen zukünftig ihren Mitarbeitern so viel Vertrauen schenken werden, bleibt abzuwarten.

 

Lukas Olschowka
Consultant
Assure Consulting GmbH

 

*) In der Umfrage „Empirische Untersuchung zur Nutzung agiler Methoden in Nicht-IT-Projekten“, wurden 50 Projektmanagement-Experten befragt, die bereits in Nicht-IT-Projekten tätig waren. Die Studie wurde durch den Autor im Rahmen eines Forschungsprojektes durchgeführt und gibt eine Tendenz wieder. Als Nicht-IT-Projekte wurden solche definiert, die als Projektziel keinen reinen IT-Schwerpunkt hatten. Als vorrangiges Ziel wurde also keine IT-Aktivität ausgegeben.