Auswahl der passenden Projektmethodik für IT-Vorhaben mit Spickzettel-Hilfe

IT-Vorhaben: Agile oder klassische Methoden? Mit Spickzettel-Hilfe die passende Projektmethodik auswählen.

In einem jüngst erschienenen Blogbeitrag über Non-IT Projekte schrieb mein geschätzter Kollege Lukas Olschowka gleich zu Beginn über agile Methoden: „Aus der IT-Welt sind sie nicht mehr wegzudenken […] Von einem anfänglichen Trend hat sich „Agile“ mittlerweile fest in IT-Projekten etabliert.“ Und in der Tat ist die Fülle an Blogartikeln, Büchern und wissenschaftlichen Beiträgen, die die Vorteile agiler Methoden und Arbeitsweisen in IT-nahen Projekten hervorheben, inzwischen fast unüberschaubar geworden. Agil ist hip, agil ist erfolgreich! Alles andere hingegen ist wahlweise „traditionell“, „starr“ – jedenfalls wenigstens „klassisch“, also irgendetwas zwischen ganz nett und angestaubt. Doch wie agil ist die IT-Welt wirklich? Und können wir in Zukunft tatsächlich auf klassische Projektmanagement-Methoden verzichten? 

Wie agil wird bereits gearbeitet?

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Praxis. Die Ergebnisse der Studie „Status Quo (Scaled) Agile 2020“ der Hochschule Koblenz bestätigen, dass agiles Arbeiten mittlerweile weit mehr als nur ein Trend und in der Praxis angekommen ist. Nutzten 2012 noch 22 % der Befragten durchgängig klassische Ansätze für Projekte und Entwicklungsprozesse, waren dies 2019 noch 8 %. Die weiteren Befragten nutzen agile Methoden: 

-    Selektiv (28 %): Einzelne Vorhaben werden agil, andere klassisch umgesetzt.
-    Hybrid (43 %): In den Vorhaben werden Mischformen eingesetzt.
-    In Reinform (16 %): Die Vorhaben werden durchgängig agil umgesetzt. 

Und konkret im IT-Bereich? Agile Ansätze werden von 75 % der Nutzer eben dieser Ansätze in der Software-Entwicklung und von 52 % bei IT-nahen (z.B. SAP-Projekte) Vorhaben genutzt. Damit sagt die Studie jedoch nicht aus, dass IT-Vorhaben grundsätzlich mit agilen Methoden umgesetzt werden, sondern vielmehr, dass bei IT-Vorhaben häufig agile Methoden zum Einsatz kommen. Somit lässt sich festhalten, dass klassische Methoden in der IT-Welt nach wie vor Anwendung finden. 

Vorbedingungen zur Methodenwahl

Entscheidende Faktoren dafür, ob ein Vorhaben agil oder klassisch umgesetzt werden sollte, sind Unternehmensstruktur und Projektparameter. Das minimale Berichtswesen in agilen Projekten ist dem Management von traditionellen Unternehmen beispielsweise häufig nicht detailliert genug. Hier muss auch auf der Führungsebene ein Umdenken stattfinden, soll der agile Ansatz nicht von Vorneherein zum Scheitern verurteilt sein. Neben der Unternehmensstruktur entscheiden u.a. umsetzende Personen und Zeitvorgaben darüber, welcher Ansatz sich am besten eignet.  

Die Komplexität eines Vorhabens ist entscheidend

Modelle wie die Stacey Matrix unterteilen Anforderungen und Technologie in klar und unklar. Gemäß der Matrix eignen sich klassische Methoden insbesondere für „einfache“ Vorhaben mit klarem Ziel und klarem Lösungsansatz. Das können beispielsweise klassische Rollout-Projekte sein, in denen im Vorfeld festgelegt ist, was und in welchem Zeitraum passieren soll. Wenn die Anforderungen jedoch offen sind und die Lösungsansätze unklar, eignen sich gemäß der Matrix agile Methoden. 
 

Geschäftsmann beschriftet komplexes Whiteboard

Agil ist nicht immer die Lösung

Sind die Vorbedingungen – Faktoren wie Unternehmensstruktur und Projektparameter sowie gegebene Komplexität – nicht erfüllt, sollten sich Organisationen auch nicht aus Prestigegründen dazu verleiten lassen, ein Vorhaben unbedingt agil umzusetzen. Doch gerade in der Produktentwicklung – und das umfasst sehr oft auch Software-Entwicklung – werden Vorhaben schnell in die Kategorie „komplex“ eingeordnet, da häufig angenommen wird, dass sich Anforderungen vom Kunden schnell ändern. Wenn dann außerdem die Rahmenbedingungen erfüllt sind, lautet die Antwort schnell: Scrum! Das ist sicher nicht falsch, trifft aber oftmals nicht die eigentliche Absicht des Vorhabens und geht präziser. Nehmen wir einmal an, dass die Vorbedingungen erfüllt sind und sich in unserem Methoden-Koffer neben Scrum auch noch Design Thinking, Lean und das klassische Wasserfall-Modell befinden.

Wie nun pragmatisch das geeignete Vorgehen auswählen?

Die richtige Methode zur richtigen Zeit

Hendrik Esser hat in einem Blogbeitrag auf „medium.com“ einen Spickzettel entworfen, mit dessen Hilfe die Auswahl des geeigneten Vorgehens in der Produktentwicklung erleichtert wird. Das entscheidende Kriterium ist dabei der Kontext, in dem sich ein Produkt befindet. Zur Veranschaulichung unterteilt er dafür die Produktentwicklung in vier Stufen:

-    Neuartig: es gibt erste Ideen, an Hand derer Prototypen entwickelt werden.
-    Maßgeschneidert: Prototypen werden auf einen bestimmten Kunden hin abgestimmt.
-    Standardisiert: Weiterentwicklung, um den Ansprüchen von mehreren Nutzern oder Benutzergruppen zu entsprechen.
-    Produktion: Leistungen, die einem ganzem Markt angeboten werden können.

In den unterschiedlichen Stufen unterscheidet Esser zwischen „Ideen“ gegenüber „Wissen“, „Erforschung“ gegenüber „Nutzung“ sowie zwischen geringer und hoher Vorhersagbarkeit.  Wenn also ein Produkt neuartig ist, dann sind da vor allem Ideen und wenig Wissen, ob das Produkt überhaupt jemand nutzen wird.  Mit der Zeit wächst das Wissen über das Produkt, z.B. wie es aufgebaut ist oder wie es genutzt werden kann. Somit steigt auch die Vorhersehbarkeit der Erfolgswahrscheinlichkeit. Was zu Beginn rund um das Produkt passiert, ist sehr dynamisch und die Anforderungen an das Produkt ändern sich schnell. Im späteren Verlauf steht weniger Dynamik, sondern vielmehr Stabilität im Vordergrund. 

Nehmen wir als Beispiel Google´s moonshot factory „X“: Da ist zu Beginn diese aberwitzige Idee, dass sogenannte „Balloons“ ein Mobilfunknetz in entlegene Gebiete unserer Erde bringen könnten. Es wird gedacht, vielleicht gesponnen. Irgendwann fliegen die ersten Ballons testweise über Neuseeland und Brasilien. Erste Interessenten wie Sri Lanka wollen eine landesweite Internetabdeckung schaffen. So wird „Loon“ später sogar als eigene Firma im Google-Konzern ausgegründet. „Landing the moonshot“ sagen sie bei „google X“ zu dieser Entwicklung. Essers Spickzettel ordnet den unterschiedlichen Stufen der Produktentwicklung nun die Projektmanagement-Methoden zu. 
 

Steckbrief Auswahl geeigneter Projektmanagement Methodik

Essers Spickzettel ordnet den unterschiedlichen Stufen der Produktentwicklung nun die Projektmanagement-Methoden zu.

- Wenn Ideen entwickelt, sortiert und priorisiert werden: Design Thinking
- Wenn das Produkt nach und nach mit Funktionalität nach Kundenbedürfnis ausgestattet wird: Scrum (oder weitere agile Methoden)
- Wenn der Nutzen ausgebaut und die Profitabilität gesteigert werden sollen: Lean
- Wenn das Produkt steht und die Strukturen definiert sind: Wasserfall (oder weitere klassische Methoden)

Abbildung: "The Cheat Sheet" (übersetzt und übernommen aus Hendrik Esser "Fit for Purpose")

 

Flexibel reagieren – agil handeln

Im richtigen Kontext sind klassische Methoden auch in der Produktentwicklung und bei IT-Vorhaben weiterhin nutzenstiftend. Einen möglichen Weg, diesen Kontext schnell zu bestimmen, haben wir in diesem Beitrag aufgezeigt. Natürlich gilt: Während die einen den „Moonshot“ landen, tüfteln die anderen bereits an der nächsten verrückten Idee. In einer Organisation sollte unbedingt eine Koexistenz der Ansätze gelebt werden. Nur so kann ausreichend Freiraum für innovative Ideen entstehen. Veränderungsprozesse wie die Digitalisierung, aber auch wirtschaftliche Krisen, verlangen nach neuen Ansätzen oder dem kreativen Einsatz von altbekannten Ansätzen in neuen Kontexten. Dabei gibt es für Organisationen keinen Standardweg, um dem voranschreitenden Wandel mitsamt seinen Herausforderungen erfolgreich zu meistern. 

In unserem Blick auf „Aktuelle Trendthemen im Projektmanagement“ listen wir an erster Stelle, noch vor „agilem & hybridem Projektmanagement“, die „Soft Skills für Kommunikation, Führung und Entscheidungen“.  Agil aufgestellt zu sein bedeutet eben nicht, ausschließlich auf agile Methoden zu setzen. Stattdessen befähigt ein agiles Mindset dazu, flexibel aus einer Reihe verschiedener Ansätze wählen zu können und diese, wo sinnvoll, miteinander zu verknüpfen. 

Wie legen Sie Ihre Kriterien für die Auswahl der geeigneten Projektmanagement-Methode fest?
Diskutieren Sie mit uns auf XING oder LinkedIn!

 

 

Felix Metje
Consultant
Assure Consulting